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Donnerstag, 5. März 2026

Ephemers

13:00

Ephemeres


Es ist ein Schmerz in dieser Welt,
Als ob die Zeit uns stets entgleitet,
Der Tod, er kommt, doch unerbeten,
Und nimmt, was uns im Herzen leitet.

Sie brachte uns den Geist zurück,
Der Wind, der durch die Seelen weht.
Ein Band, das in einem Augenblick,
nun nicht mehr einfach weitergeht.

Wir wollten reden, uns begegnen,
Doch bleibt das Wort nun ungesagt.
Die Momente, die wir einst ersehnten,
Sind nun verweht, wie Laub im Tag.

Die Schuld, sie nagt, doch unbegründet,
Denn keiner kann den Augenblick erfassen.
Es bleibt ein Rest, der unvollendet,
Und lässt uns in der Sehnsucht hassen.

Ein Leben, voll und doch so leer,
Die Liebe bleibt, doch unvollkommen.
Wir wünschen uns, dass sie noch wär',
Doch bleibt der Wunsch im Wind vernommen.

Ein Geist, der durch uns alle wirkt,
Dann in der Stille, da erwacht.
Er lebt in uns, in jeder Seele,
Wird er durch ihre Liebe neu entfacht.


Flüchtigs


Es git en Schmärz i dere Wält,
Als ob mer Zyt verplemperlet.
De Tod, er chunnt, und isch nöd bschtelt,
Und zrug bliibsch, allei, gschämperlet.

Sii hät üs dr Geischt zruggbracht,
De Wind, wo dur d Seele gaht.
Es Band, wo einigt süüfeli sacht,
doch jetzt eifach nümm bestaht.

Mir händ welle rede, üs begegne,
Aber d Wort verblaset no im Muul.
Dr Momänt, isch nie ganz glege,
Und jetzt wie Laub verblaase und fuul.

D Schuld, si naagt, hēr-, grundlos,
Will niemert cha de Momänt erfasse.
Es bliibt en Rescht, lēēr und blos,
Und laat üüs i dr Sehnsucht hasse.

Es Läbe, voll und doch so läär,
D Liebi bliibt, aber unvollkomme.
Mir wünschend, dass si doch no wär,
Aber d Wunsch wird nümm vernomme.

En Geischt, wo durch eus alli würkt,
Item, i dr Schtilli er erwacht.
Er lebt i üüs, und i jeder' Seel,
Wird er dur ihre Liebi neu entfacht.


(Für Beatrice, 23/03/2025)

Freitag, 8. März 2024

Jenseits aller Wege

20:07


 

Jenseits aller Wege

 

Das Wiedersehn, gefeiert laut und froh,

Das Wandervolk, das kennt kein langes Leiden,

In ihrem Gang, nehmen sie leicht das Scheiden,

Gewiss, man trifft sich wieder irgendwo.


Ein stetes Wandern, unser Dasein war,

Ein Forschen, unersättlich und gewagt,

Es bleibt die Hoffnung, dass noch vieles mag,

Vor uns zu liegen, hell und wunderbar.


Doch ahnen wir, die Zeit, sie schwindet schnell,

Die größte Furcht: des anderen Wort zu missen,

Fragen kommen wo Gespräche fließen,

Beim Plaudern, Schachspiel, zwischen Hundegebell.


Im Garten beim Tee unterm Laubendach,

Auf Kutschenfahrt, wo Träume flüchtig schwirren,

Wie Fliegen, die sich zwischen Kirschblüten verirren

kommt bald der letzte Tag, der letzte Schach.


„Ich liebe dich“ – oft überflüssig, tönt zu unbedacht,

Und doch, macht es aus wenig mehr

unausgesprochen, wiegt es schwer.

Erst in dem Schweigen zeigt sich seine Macht.


Ich fürcht' den letzten Tag, den wir teilen,

Ist's Trauer, die spricht, dass wir selten weilen?

Die kurzen Treffen, halten kaum die Zeit,

Versuche nur, in Eile stets bereit.


Verschwendet sind die Tage, voll Routine,

Der Alltag – ein Gefäß für unser Sein,

Doch in ihm liegt verborgen, fein und klein,

Der Sinn, wie in der Torte die Rosine.


Dein Abenteuergeist, in uns lebt er fort,

Selbst eine Seuche wird zur neuen Reise,

Dass Schaffen uns verbindet, in einz’ger Weise,

Mit Deiner Kunst und Technik im Seelenhort.


In ewig vereint durch den Höh'ren Sinn,

Tragen wir Deine Liebe in uns weiter

Durch Dein stetes Forschen, so stark und heiter

dient auch der letzte Tag zum Guten und Gewinn.

 

08/03/2024 

Sonntag, 19. Dezember 2021

Sternschnuppen

11:18

Lange schon ging der farbenfrohe Tag in eine klare, kalt Winternacht über. In der eisigen Schneelandschaft ist Ruhe eingekehrt. 

Nur leise weht der Nordwind in geisterhaftem Singen über die Ebene - sonst Stille. 

Weit in der Ferne steht ein einzelner Baum. Er ist alt. Bald so alt, wie dieser Tag es ist. Ein einzelner Baum - doch nicht allein! Unter ihm steht ein Mensch, auch er ist alt. Doch das Kind, dessen Hand er hält, es ist jung. Jung wie der Neuschnee, der gefallen ist. Die beiden stehen da und schauen. Sie reden nicht. Sie haben auch nicht kalt. Sie stehen nur da und blicken in den sternenklaren Himmel. Wieviel Zeit mag wohl vergangen sein? Ob der Morgen schon naht? Es berührt sie nicht.


Doch da! Ein Stern, er leuchtet viel heller, viel klarar als alle anderen! Er dreht sich, schnell, schneller, immer schneller. Er löst sich vom Firmament und fällt weit in die Tiefe der dunklen Nacht - und erlischt. Das Kind drückt die Hand fester und spricht in hauchendem Ton: "Was ist geschehen? Ein Licht stürzt in die Dunkelheit! Viel dunkler ist es jetzt!"

Der alte Mund des Menschen öffnet sich, und die rauhen Lippen formen jedes Wort langsam und deutlich. Die Stimme, kräftig und fein zugleich: "Der Himmel ist Spiegel dieser Welt, der weisse Strasse der Weg, den das Leben sich bahnt. Die Sterne gleichen den Menschen; einige stehen in grossen Gruppen, manche in kleinen und einzelne - allein. Diese leuchten hell, jene sind kaum zu sehen. Einer ist gross, ein anderer klein, und manche erlöschen, wie dieser, welcher zuvor zur Erde fiel. Jedes Licht muss die Gelegenheit haben zu leuchten so langes es kann und es ihm bestimmt ist. ein Stern darf nicht versuchen mit seinem Licht einen anderen zu erlöschen. Das darf niemals geschehen. Denn der wird verscuhen, heller zu leuchten als ihm möglich ist und sich daran erschöpfen und untergehen. Und dann, wenn das letzte Licht erlöscht ist, wird es sehr dunkle und kalt werden auf dieser Welt. Viel dunkler als jede Nacht und kälter als jeder Winter.

Doch es ist bereits geschehen, und das Unvermeidbare wird eintreffen. Ein Stern nach dem anderen wird erlöschen und auch der grösste Stern, unsere Sonne, wird verglühen".

Die Lippen schliessen sich, und das Kind blickt mit angstvollen Augen zu den Sternen empor. Für kurze Zeit ist alles still. 

Nur leise weht der Nordwind in geisterhaftem Singen über die Ebene - sonst Stille.

Dann öffnen sich die Lippen wieder, die trockene Zunge stösst gegen die schäbigen Zähne, um den ersten Laut zu formen: "Du brauchst Dich nicht zu ängstigen, mein Kind, denn was stirbt, ist nicht zu Ende, es ist tod und leben zugleich. Dieser Baum hier wird sterben , doch im Frühjahr wir eine neuer an seiner statt wachsen, reifen - und sterben. Denn nur was reift und stirbt wird Frucht bringen. -- Hoffen wir, die Frucht dieser Welt wird gut! -- 

So bist auch Du die Frucht der Menschheit und meine Frucht. Ich werde wohl sterben, aber niemals werde ich tod sein!"

Nach einer Atempause erhellt sich die Stimme und sagt: "Hör zu! Hörst Du den Wind? Den eisigen Nordwind? Den Tod? Er singt das Lied des Lebens". Wieder kehrt Stille ein.

Nur leise weht der Nordwind in geisterhaftem Singen über die Ebene - sonst Stille. 


Mittwoch, 23. Oktober 2019

Ein besonderer Tag

19:02

Ein besonderer Tag


Dein Kommen und Werden wurde nun voll.
Zahltest lang‘ schon der Silberfähre Zoll.
So fährst Du hinüber ins gold‘ne Nichts,
hin in die Anderswelt. Und angesichts
der Ewigkeit, erster und letzter Tag
sind zur gleichen Zeit; Wiege dir das Grab.


Wir alle singen heute lieber Moll.
So will es eben unser Protokoll.
Bedeutungsvoll ist was ein Ende hat.
Wer an dieser Grenze vom Leben satt,
nun einst so von uns allen Abschied nimmt,
in uns‘rer Gemeinschaft sich wiederfind‘.

Ein Gedicht von Tabea Hirzel – 23. Oktober 2015.

Dienstag, 18. Juni 2013

Monolog des Schöpfers

09:23

Nicht etwa, dass ich eifersüchtig wäre oder gar versuchte mich zu rechtfertigen – Gott behüte! – nein, nein, ich zweifle. Ja, dies liegt wohl in meinem Wesen. Aber seien wir doch einmal ehrlich, wenn jemand von sich behauptet die Wahrheit zu sein, sollte er dann nicht auch von Zeit zu Zeit einmal etwas sagen das Sinn macht?
Ich weiss, ich weiss, viele von Euch verehren ihn als den Schöpfer dieser Welt. Hm, einige glauben sogar, dass diese Welt aus dem Nichts geschaffen wurde. Dabei würden doch Adam und Eva immer noch wie umnebelt durch einen Garten wandeln und fortlaufend andere Wesen benennen ohne das wesentlichste zu vollbringen, sich selbst einen Namen zu geben.
Sie konnten doch nicht einmal die Schönheit jenes Gartens schätzen - schliesslich kannten sie ja nichts anderes – und wussten auch nicht um seine unberechenbare Grösse, bis sie endlich seine Grenzen kennenlernten. All dies haben sie doch nur durch mich erfahren. Ist es wahr, dass ich das Leid über die Welt gebracht habe? Wohl ja. Doch füllte ich sie auch mit Freude und Schönheit, die es ohne mich so nicht gäbe.
Zugegeben, als die zwei noch im Garten wandelten wussten sie genau wo dieser sich befindet, nämlich „hier“ – gerade dort, wo sie eben gerade waren. Nun aber, glauben sie ihn verloren zu wissen. Nicht verloren im Sinne eines vergangen Anlasses, dessen nur die Erinnerung bleibt. Nein, eher ist er verloren wie man eben einen Schlüssel verlieren kann; zwar glaubt man an seine Existenz und weiss wo er sich befindet - „dort“ und eben nicht „hier“ - kann allerdings dieses „dort“ nicht genau lokalisieren.
Nun beruht die ganze Idee des verlorenen Paradises natürlich auf der Erfahrung eine Grenze überschritten zu haben, die Grenze jenes Gartens. So denkt ihr Euch nun selbst als jenseitige. Der Garten, der eben „hier“ ist bleibt hier und Ihr müsst dort hin. Die Ewigkeit ist verloren weil ihr eine Entscheidung getroffen habt. Ihr seht einen Engel vor Euch mit Schwert und das macht Euch glauben, dass Ihr jetzt nicht in der Ewigkeit lebt und das „Dort“ nicht hier ist.
Habt Ihr Euch einmal gefragt, warum die Kinder von Adam und Eva nicht schon im Paradies geboren wurden? Einige von Euch denken nun, dass dazu gar keine Zeit war. Das ist ein lustiger Gedanke, mancher Kerl träumt wohl so etwas, aber seien wir mal ehrlich, wie lange braucht ein Mensch für die Fortpflanzung... und wie lange braucht man um alle, ich meine alle, Lebewesen zu benennen. Na, seht Ihr worauf ich hinaus will? So oder so hatten sie eine ganze Ewigkeit Zeit. Nein, nein, daran kann es nicht gelegen haben.
Aber es ist doch klar, wenn niemand stirbt, warum sollte dann jemand geboren werden? Habt Ihr Euch nie überlegt, warum Gott die zwei warnte, dass sie sterben müssten, wenn sie von dem Baum ässen? Ihr seid vielleicht Eltern und warnt auch Eure Kinder. Würdet Ihr sie davor warnen, dass sie vom Verschlucken von Kaugummis eine Appendizitis bekommen können? Viel zu abstrakt und unverständlich, zumindest für kleine Kinder. Eher sagt Ihnen, dass sie ganz schlimme Bauchschmerzen bekommen, und fügt noch bei, dass dies erst nach vermehrtem Verschlucken geschieht. So entkräftet Ihr im Vornherein die Ausrede, die bei einem versehentlichen Verschlucken durchaus auftreten könnte, dass ja gar nichts passiert ist. Aber Gott ist da anders, er schlägt mit ganz abstrakten begriffen um sich: sterben werdet ihr. Aha, na und...? Wir sollte jetzt nicht so hart gegen Gott urteilen – auch wenn dies meine grosse Leidenschaft ist. Aber welch andere Möglichkeit blieb ihm denn. Er konnte ja nicht einmal sagen, dass das was sie da tun – sich gegen seinen Willen für etwas entscheiden und so, Ihr wisst schon - also dass dieses widerläufige Handeln etwas schlechtes sein soll. Gab es doch gar kein Böses in diesem Garten. Ausser mich natürlich. Er hätte ja auch genauso gut warnen können, dass sie etwas wertvolles, nämlich das Leben im Garten verlieren würden. Da stellt sich natürlich die Frage, weshalb denn ich in diesem Garten war. Schliesslich wird ja von mir behauptet, dass ich böse sein soll. Doch das Böse hatte doch gar keinen Platz in diesem Garten, oder?
Also ich hätte das ganze viel attraktiver dargestellt. Ich den zweien so etwas gesagt wie: „schaut ich liebe Euch über alle Massen und wenn ihr mir auch eure Liebe zeigen wollt, dann könnt ihr dies tun indem ihr alle Tage der Ewigkeit der Verlockung dieses Baumes widersteht“. Aber habt Ihr Gott einmal im Paradies von Liebe sprechen gehört? Okay, okay es ist bekannt, dass niemand so wortgewandt ist, wie ich. Doch um einmal die Wahrheit zu sagen – und zur Verteidigung Gottes, sagen wir, um unsere ewig lange Beziehung zu ehern - dies war nicht ja gar nicht möglich, denn Liebe gibt es nur in der Zeit.

Samstag, 16. März 2013

Licht und Schatten

17:41

Wenn wir lange Zeit
Unbeweglich verharren,
beginnt uns unser Körper zu schmerzen.
Dieser Schmerz sagt uns,
dass es Zeit ist,
unsere Haltung zu ändern.
Ebenso verhält es sich mit dem Schmerzen des Herzens.

Freitag, 1. Februar 2013

Edelweiss

19:31

Wem der Blick versperrt,
und der Weg verwehrt,
weil müde Beine nicht tragen,
und die da oben nicht fragen.

Jemand den Schnee der Berge bringt
Und das Lied der Bäche singt.
Wie viel edler das Weiss als Rosen
Trägt es Sehnsucht, ganz klein im Grossen.

Vollmondnacht

19:01
Ein leiser Klang erhellt die Nacht.
Wie Feengesang
gibt er den Rhythmus an.
Wie oft hab ich schon durchgewacht
und sehnte mich in die Fern`,
wo für Monat, Jahr, alle Tiden
ein sonderbar Mass beschieden,
gewünscht und doch gemieden
seltsam dunkler Stern.
Wenn auch selbst ohne Schöpferkraft,
öfter dunkel, denn hell,
unbeacht`ter Gesell,
und belächelt so schnell,
er doch den Raum für`s Leben schafft.
Dumpfes Spiegelbild,
einfache Melodien spielt,
wer einmal grosses Erzielt.
Die Frau gleich nächtlich Sonnenlicht gemacht.

Vereinigung von Sonne und Mond

19:00

Vereinigung von Sonne und Mond

Birke in gelbem Lampenschein
inmitten unendlicher Nacht,
zur selben Zeit wie die Geister erwacht.
Wer mich verdammt zum Einsamsein !

Eine Rose in der Wüste,
wer sie jemals sieht,
blühend, wenn alles sonst verglüht,
im verborgenen trägt Zauberdüfte.

In der Nacht sind alle Katzen grau.
Ich löse meinen Blick
und trete einen Schritt zurück.
Siehst du, ich bin eine Frau!

Eine Strähne fällt in mein Gesicht,
es riecht nach Sandelholz,
in meinem Lächeln Stolz.
So zeig’ ich mich im Dämmerlicht.

Die Laterne färbt grün
die Wiese am Strassenrand.
Knopf um Knopf öffnet meine Hand
in Leidenschaften kühn.

Und bin ich Frau, bin ich Kind,
auch du spürst diese Lust,
berührst sanft meine Brust.
So in deinen Armen ich mich find’.

Nur Liebe ich in deinen Augen las,
küsste dich, wo`s dir gefällt.
Keine Fragen mehr auf dieser Welt.
Auch grau nicht war dort jenes Gras.

Du ziehst mich wieder hoch zu dir.
Im Taumel immer wiederkehrend neuen Seins
zerfliessen Sonn’ und Mond zu eins.
So öffne ich all’ Tor und Tür.

Heut’ Nacht bin ich fliegen gegangen

19:00
Mit der Decke des Schlafes umhüllt,
den Schlüssel zu den Träumen in der Hand,
so lag ich, im Herzen Dein Bild,
unter der Nacht Gewand.
Ein Raunen zärtlicher Stimm’
aus meinen Träumen mich rief.
Ein Staunen, verwirrter Sinn,
stand ich auf und lief.
Der Falke, mein Bruder wartet’ schon.
Ich grüsste ihn jenseits des Flusses.
Des Windes Tochter, des Windes Sohn,
im feuchten Grase, nackten Fusses.
Auf meiner Schulter gelandet, flog er wieder.
Ein Schrei – dann schrie auch ich,
sang der Freiheit, des Windes Lieder,
ich liebe das Leben – ich liebe Dich !
Heut Nacht bin ich fliegen gegangen,
in deine Arme, dein Herz – zu dir.
Trotzdem frei, niemals gefangen.
Nackten Fusses steh ich wieder hier.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Sophia und Polemos

09:01

Dialog in fünf Akten


Personen:
Sophia
Polemos
Sprecher

Szene:
En Ort jenseits von Raum und Zeit.

Sophias Sturz


Sophia tanzt und schwingt sich, zur Musik dreht sie ihre Bahnen. Da stolpert sie über Polemos.

Sophia: Au, was tun Sie hier?
Polemos: Und Sie?
Sophia: Ich tanze.
Polemos: Das ist kein Tun, das ist ein Sein.
Sophia: Warum sollte ich etwas tun?
Polemos: Sehen Sie nicht, die Menschen leiden!
Sophia: Tun sie das oder sind sie das?
Polemos: Was meinen Sie?
Sophia: Tun die Menschen leiden oder sind die Menschen Leid?
Polemos: Ich verstehe Sie nicht.
Sophia: Dann geben Sie mir ein Beispiel.
Polemos: Ich war soeben in Zürich, am 9. September 1848. Da haben sich Brüder gegenseitig auf den Kopf gehauen und sich kaputt gemacht.
Sophia: Ja und, das tun die Menschen doch ständig?
Polemos: Ja, aber dann haben sie sich an den Tisch gesetzt und wieder vertragen.
Sophia: Das ist doch schön. Wo liegt das Problem?
Polemos: Das ging gerade mal noch gut. In Paris war das viel schlimmer. Die Hälfte Europas ist noch halb verrückt von der Erinnerung. Wenn sie nicht verstehen lernen, wie sich in Grenzen halten, dann werden sie sich eines Tages selbst zerstören.
Sophia: Na und? Etwas Neues wird dann erschaffen.
Polemos: Sophia!!!
Sophia: Ich verstehe Ihr Entsetzen nicht. Würden sie sich nicht streiten, dann würden sie aufhören zu sein. Was ziehen Sie vor, nicht geboren zu werden oder nicht zu vergehen.
Polemos: zu sein!
Sophia: So wie ein Klang ohne Körper?
Polemos: Wie meinen Sie das?
Sophia: Energie ist, ewig, unvergänglich, un-geschaffen. Doch was die Menschen lieben ist die Masse, die Energie die durch den Widerstand ein „etwas“ wird. Doch die Masse ist begrenzt, sie fliesst nicht einfach. Sie hat Widerstand und stösst an. Menschen können nicht einfach „sein“. Sie können nur Mensch sein. Das „Sein-an-sichi“ ist nichts Spezifisches, es ist „ein Nichts“. Sehen Sie diesen Fluss? Er ist nicht ein Fluss, weil er Wasser führt. Sondern weil er durch ein Ufer begrenzt wird. Ohne Ufer wäre er kein Fluss, im besten Fall Wasser. Wenn in den Grenzen des Ufers aber kein Wasser fliesst, dann sprechen wir immer noch von einem Flussbett und einem ausgetrockneten Fluss. Dies tun wir, weil wir wissen, dass es ein Fluss war, der das Bett gebildet hat. Die Masse des Wassers, die sich durch die Masse der Landschaft hindurch kämpfte hat die Furche entstehen lassen, die nun die Erinnerung an sie ist. Wäre das Wasser über die Landschaft hinweggeflossen, ohne Reibung, dann würden wir uns nicht daran erinnern, dann gäbe es keinen Fluss und hätte ihn nie gegeben.
Polemos: Aber die Schweizer?
Sophia: Die sind doch wie ein Flussbett, ausgetrocknet, über welches der Wind hinwegfegt und die Furchen glättet. Bald wird sich auch niemand mehr an sie erinnern.
Polemos: Aber sie haben Grosses vollbracht.
Sophia: Grosses?
Polemos: Ja, den Frieden! Ein friedlicher Zusammenschluss von ganz unterschiedlichen Ideen, die Pluralität, die Neutralität, die Vernunft über die Leidenschaft.
Sophia: Polemos, bitte, lassen Sie mich wieder tanzen!

Mit diesem Ausspruch der Empörung wendet sich Sophia ab und dreht weiter ihre Runden.

Die Vernunft


Polemos stürzt in den Raum und wirft die tanzende Sophia um. Diese schreit laut auf. Dieses Mal hat sie sich ernsthaft verletzt und muss sich hinsetzten. Der Knöchel ist verstaucht.

Sophia: Müssen Sie so stürmen? Sehen Sie was Sie angerichtet haben? Was gibt es denn so dringliches?
Polemos: Die Menschen.
Sophia: Die schon wieder! Gibt es den nichts anderes in derii Schöpfung, um das Sie sich sorgen können?
Polemos: Ja, aber die Menschen sind etwas Besonderes.
Sophia. Ah.

(Sophia haucht dieses „Ah“ pathetisch vor sich her und rollt ihre Augen.)

Polemos: Seien Sie nicht so gleichgültig. Die Menschen sind einzigartige.

Sophia runzelt nachdenklich die Stirn.

Sophia: Nun gut, mit diesem Fuss kann ich ohnehin eine Weile nicht tanzen. Setzen wir uns. Was macht die Menschen Ihrer Meinung nach so einzigartig?
Polemos: Sie sind ethische, sie erkennen Gut und Böse.
Sophia: Ja, diesen Unsinn verdanken sie ja Ihnen. Ich habe sie ja gewarnt, wenn sie von dieser Frucht ässen, verlören sie das ewige Lebeniii.

Polemos lacht laut auf.

Polemos: Ha, sehen Sie, es ist nicht meine Schuld. Hätten die Menschen nicht gewusst, dass es verboten ist, dann wären sie auch nie in Versuchung gerateniv.
Sophia: Welche Schuld? Ich habe nie etwas verboten. Ich habe ihnen lediglich die Erkenntnis gegeben, dass die Unterscheidung von Gut und Böse die Ewigkeit unerreichbar werden lässt. Ich habe ihnen meine Weisheit gezeigt, doch sie konnten nichts damit anfangen. Die Gesetze habe ich nicht erlassen, sie sind Ewig. Ich bin das ewige Gesetz.
Polemos: Sie meinen, wenn die Menschen sich ihrer selbst bewusst werden, wenn sie ihren Willen erkennen, dann können Sie das Gute wollen? Dann werden sie das Gute wollen?
Sophia: Polemos, setzten Sie sich bitte. Ich glaube wir reden aneinander vorbei.
Polemos: Das tun wir doch fast immer.

Sophia seufzt und reibt ihren verstauchten Knöchel.

Sophia: Ja, fast immer. Sehen Sie, ich muss ihnen Recht geben. Die Menschen sind einzigartig. Nur sie glauben, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gut und Böse. Es ist nicht ihre besondere Gestalt oder ihre besondere Fähigkeit, die sie auszeichnet. Es ist ihr besonderes Problem, die Welt nicht zu sehen wie sie ist, sondern sie in Kategorien zu denken.
Polemos: Sehr gut. Dann stimmen sie mit mir überein, dass nur die Menschen vernunftbegabt sindv?
Sophia: Nein. Aber ist das relevant für die Frage?
Polemos: Sie meinen also, weil die Menschen Gut und Böse unterscheiden können, wird das Böse für sie zum Problem.
Sohpia: Genau.
Polemos: Dann müssten wir ihnen nur erklären, dass Gut und Böse gar nicht existieren. Das alles eine Einbildung istvi.
Sophia: Sie wollen den Menschen das Denken ausreden? Gut und Böse sind doch real. Sie haben sich ja über die Schlachtaktionen viriler, junger Männer empört. Ich trinke ihr Blut.
Polemos: Sophia, bitte, verschonen Sie mich mit Ihrer stinkenden Archaik. Das tut in meinen Ohren weh.
Sophia: Entschuldigen Sie. Ich bin der Ursprung.
Polemos: Ich weiss, doch können wir das mal bei Seite lassen und uns zivilisiert unterhalten?
Sophia: Zivilisiert?

(Sie lacht in sich hinein und faltet ihre Stirn dabei.)

Was meinen Sie denn mit zivilisiert?
Polemos: Das Streben nach dem Guten , dem Schönen. Das Gute für die Menschenvii.
Sophia: So, so. Was ist denn gut für die Menschen? Ewig zu leben? Ohne Schmerz, ohne Störung? In Frieden so wie ich?
Polemos: Ja! (Sein Gesicht erhellt sich.)
Sophia: Dann müssten sie aufhören Menschen zu sein, aufgeben zu leben. Das Leben ist in der Weltviii. Die Welt ist der Frieden. Die Welt ist das Leben. Ich lebe nicht, ich bin nur.
Polemos: Dann ist es das Leben, das die Menschen einzigartig macht? Und der Friede, das Streben nach dem Guten, das sie von anderen unterscheidet?
Sophia: Sie unterscheiden sich von uns durch das leben. Denn nur wer stirbt, lebt. Wir sterben ja nicht. Es unterscheidet sie nicht von anderem in der Welt.

Polemos: Und der Friede?
Sophia: Frieden ist nicht streben nach dem Guten. Erinnern Sie sich? Als die Menschen anfingen die Welt zu benennenix, da suchten sie nach der Unterscheidung von Gut und Böse. Sie begnügten sich nicht damit, mit der Welt in Beziehung zu treten, die Dinge zu benennen. Sie wollten sie unter ihre Kontrolle bringen, gerade so, als wären die Menschen nicht in der Welt, so als könnten sie sich von ihr lösen und sie von aussen betrachten. Erst als sie nicht mehr in der Welt waren, konnten sie die Welt als das Andere ansehen. Sie waren nun nicht mehr in der Welt, sondern gelöst von ihr. Dann fingen sie an die Namen zu ordnen und ihre Wesen in unveränderliche Grenzen zu setzt, zu de-finieren. Sie fingen an, den Raum und die Zeit zu unterscheiden, alles zu zerstückeln und die Teile zu zählen, sie zu vergleiche und in gleiche und ungleiche zu sortieren. Das ist kategorisches Denken. Nur ein Wesen, das sich selbst entfremdet, das sich selbst von der Welt löst kann dies tun.

Polemos setzt sich auf und brüstet sich.

Polemos: Das verdanken sie mir! Ich habe ihnen gezeigt, wie sie die Welt beherrschen können, wie sie werden können wie Sie.
Sophia: Werden wie ich? Sie sind ja schon ich, nur wissen sie das nicht. Warum haben sie das getan?

Polemos schaut Sophia verstört an.

Polemos: Ich wollte sein wie sie. So sanft und sorglos vor mich hin tanzen.
Sophia: Das tun Sie doch schon.
Polemos: Aber ich stosse ja immer mit Ihnen zusammen.
Sophia: Oder ich mit Ihnen?
Polemos: So habe ich das noch nie gesehen.
Sophia: Verstehen Sie nun, warum die Menschen im Streit leben? Der Streit ist ihre Vernunft.
Polemos: Aber die Vernunft ist doch gut. Sie ermöglicht es Dinge vorherzusehen und das Böse zu meiden. Die Vernunft gibt den Menschen die Möglichkeit in Frieden zu leben.
Sophia: Sie leben schon in Friedenx.
Polemos: Ich meine, dadurch können sie vielleicht verhindern sich gegenseitig zu zerstören.
Sophia: Sich zu zerstören?
Polemos: Zu vernichten.
Sophia: Vernichten, von nicht sein?
Polemos: Genau.
Sophia: Es gibt kein „nicht sein“, alles ist immer.
Polemos: Ich meine, nicht mehr Mensch sein, das es irgendwann keine Menschen mehr gibt, keine Vögel, keine Bäume, keine Flüsse.
Sophia: Das wollen sie mit der Vernunft verhindern? Es liegt doch in der Natur des Mensch-seins, das es endlich ist, nicht ewig. Das So-sein ist immer begrenzt, einzigartig und nichtig. Wir wissen doch beide, dass die Menschheit ein Ende nehmen wird. Und wir wissen auch wann.
Polemos: Sophia, sehen Sie denn nicht, wie sehr die Menschen leiden? Sie fürchten sich vor ihrem Ende.
Sophia: Ich habe sie ja gewarnt!
Polemos: Wollen Sie die Menschheit einfach so ihrem Untergang überlassen?
Sophia: Nicht einfach so, ihr Ende ist in ihrem Anfang inbegriffen. Es gibt keinen Anfangen ohne ein zu-Ende-gehen. Und Menschsein ist endlich. Welchen Unterschied macht es denn für die Menschen am Ende ihres Lebens zu sterben oder gemeinsam mit der ganzen Menschheit zu vergehen? Wenn sie doch so vernünftig sind, dann wissen sie ja schon, dass diese Welt ein Ende hat.
Polemos: Ja, aber in einem so grossdimensionierten Zeitraum, dass es für die Menschen nicht relevant ist.
Sophia: Was ist denn für die Menschen relevant?
Polemos: Sie wollen glauben, dass ihr Leben einen Sinn hat und dass etwas zurückbleibt, wenn sie sterben.
Sophia: Was ist das denn für ein Blödsinn! Natürlich bleibt etwas zurück. Wir haben uns doch geeinigt, dass Energie und Masse ineinander übergehen, sie können nicht zerstört werden.
Polemos: Ja, aber sie wollen, das etwas von ihnen zurückbleibt, etwas, das Sinn macht.
Sophia: Mache ich keinen Sinn?

Sophia erhebt sich verärgert. Ihrem Fuss geht es anscheinend besser.

Polemos: Ja aber die Menschen wollen…
Sophia unterbricht Polemos: Die Menschen wollen sehr oft, wie mir scheint.

Mit diesen Worten dreht sie sich um und tänzelt weiter ihre Runden. Auch Polemos tänzelt.

Sinn


Eine Weile kreuzen sich Sophia und Polemos nicht mehr. Dann, plötzlich stossen sie bei einer Rückwärtsdrehung aneinander.

Sophia und Polemos gleichzeitig: Aua!
Sophia: Jetzt, bin ich in Sie hineingerannt.
Polemos: Wenn Sie meinen. Ich präferiere es zu glauben, dass ich Sie um gestossen habe.

Sophia lächelt.

Sophia: Immer noch in Sorge um die Menschen?
Polemos: Haben wir uns geeinigt, dass die Menschen einzigartig sind weil sie ethische Vernunft haben?
Sophia: ethische Vernunft? Wie Sie die Abstraktion lieben! Nein. Das macht sie nicht einzigartig.
Polemos: Dann ist es ihr Leid, das sie einzigartig macht?
Sophia: Ist es das?
Polemos: Die Menschen sind doch die einzigen Wesen, die versuchen die Welt in Kategorien aufzuteilen, um Zusammenhänge zu verstehen und ihre Auswirkungen in der Zukunft vorauszusehen, um das Gute herbeizuführen und das Böse zu vermeiden.
Sophia: Polemos, Sie sind zu schnell. Auch wenn andere Wesen Kategorien bilden könnten – ein Punkt, der hier nicht zur Diskussion steht – so sind die Menschen die einzigen, die diese Kategorien nutzen, um die Welt in eine gute und eine schlechte aufzuteilen. Sie leiden dadurch weniger im Augenblick, weil sie ihr Leid in einen grösseren Zusammenhang stellen können. Aber sie leiden mehr, weil sie um den Verlust ihrer Unsterblichkeit trauern. Menschsein ist zutiefst sterblich sein. Inwiefern die Fähigkeit Ereignisse vorauszusagen dieses Leid mindern soll, ist mir nicht klar.
Polemos: Nun, wenn die Menschen wissen was gut ist, können sie das Böse vermeiden.
Sophia: Wie denn das? Was ist denn das Böse?
Polemos: Der Tod.
Sophia: Wie kann die Vernunft denn den Tod vermeiden?
Polemos: Indem er dem Leben einen transzendentalen Sinn gibt.
Sophia: Transzendental? Haben Sie denn keine richtige Sprache?
Polemos: Nun, einen Sinn, der etwas von dem Menschen zurücklässt, wenn er stirbt. Ein Sinn, der das Ewige im Menschen durchscheinen lässt.
Sophia: Da ist nichts Ewiges im Menschsein. Das Ewige, das da durchscheinen könnte ist nicht menschlich.

Polemos: Ja, aber der Mensch möchte eine Bedeutung haben.
Sophia: Alles geschaffene hat eine Bedeutung, es drückt sich durch sein geschaffen sein aus.
Polemos: Der Mensch möchte aber eine Bedeutung über sich hinaus haben, nicht verloren gehen.
Sophia: Alles was gefunden wird, wird auch wieder verloren gehen.
Polemos: Nein!!! (Polemos schreit entsetzt auf.) Der Mensch muss doch eine Verbindung zum Ewigen herstellen.
Sophia: Und das will er erreichen, indem er diese Verbindung zuerst trennt?
Polemos: Er muss das Gute erkennen können, um das Gute erreichen zu können.
Sophia: Und das Gute für den Menschen ist…?
Polemos: Das ewige Leben.
Sophia: Aber Menschensein ist nicht ewig.
Polemos: Daher möchte sich der Mensch in einen ewigen Rahmen einfügen, sich als Teil eines unendlichen Ganzen verstehen.
Sophia: Die Unendlichkeit hat keine Teile. Das Ganze ist ganz, weil es ungeteilt ist.
Polemos: Das ist einleuchtend. Doch der Mensch fürchtet sich davor zu vergehen.
Sophia: Fürchtet er sich auch davor geboren zu seinxi? Fürchtet er sich nicht gleichermassen vor dem Leben wie vor dem Tod?
Polemos: Ich denke schon.
Sophia: Wozu nützt ihm denn die Vernunft?
Polemos: Er kann seinen Tod voraussehen und seine Zeit richtig einteilen, sein Leben planen und das Gute schaffen.

Sophia lackiert sich die Nägel, sichtlich gelangweilt, und träumt vor sich hin.

Sophia: Wie kann der Mensch durch die Vernunft seinen Tod voraussehen?
Polemos: Nicht den genauen Zeitpunkt, aber er kann sich darauf einstellen, dass er sterben wird und so bedenken seinem Leben einen Sinn zu geben.
Sophia: Ich verstehe Sie nicht. Sagten Sie nicht, dass der Mensch leidet, weil er weiss, dass er sterben wird. Wie soll dieses Wissen ihn nun gleichzeitig trösten? Der Mensch ist sinnvoll, wie alles. Weshalb soll er sich dann noch einen Sinn geben?
Polemos: Durch den Sinn versucht der Mensch sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.
Sophia: Ha, da haben Sie es. Die Menschen sind immer mit mir verbunden. Durch mich sind sie mit allem verbunden. Es ist ihre Vernunft, die sie glauben lässt, dass sie nicht in diesem All sind, das sie ausserhalb stehen.
Polemos: Dann denken Sie, es ist gleichgültig, was die Menschen tun? Sie werden ohnehin sterben, ihre Welt wird ohnehin zerstört werden und sie werden aufhören zu sein.
Sophia: Sie werden sterben, ihre Welt wird vergehen aber sie werden nicht aufhören zu sein. Sie werden aufhören Menschen zu sein. Dann werden sie sein wie ich. Es ist nicht gleichgültig, was sie tun. Sie sind ihr Tun. Ihr Tun drückt ihr Menschsein aus. Ihre unermüdliche Suche nach Einzigartigkeit, nach Unterschiedenheit von der Welt, ihr Streit mit mir, der sie als Menschen Menschen werden lässt und einzigartig macht. Sie und nur sie, stellen mich in Frage. Sie und nur sie geben mir Namen. Durch sie kann ich sterblich sein, kann ich ein „etwas“ sein, in der Welt sein.

Sophias Augen fangen bei diesen Worten an zu glänzen.

Polemos: Sie lieben die Menschen! (Er ist ganz überrascht.)
Sophia: Lieben? Können wir dieses Thema bei Seite lassen?
Polemos: Gut. Sie meinen also, dass es die Trennung von Ihnen ist, die die Menschen auszeichnet. Diese Trennung ist durch die Vernunft entstanden? Und nun leidet der Mensch an dieser Trennung, an seiner Endlichkeit und versucht sich wieder mit Ihnen zu verbinden, um Unsterblich zu sein?
Sophia: Die Menschen verstehen nicht, dass Sinn nur im Endlichen liegt.
Polemos: Hm. Aber mir ist immer noch nicht klar, wie die Menschen wissen können, was richtig oder falsch ist.
Sophia: Nicht das Richtige oder das Falsche tun gibt den Menschen ihren Sinn, sondern das tun der Menschen ist es, was richtig und falsch unterscheidet, ihre Vernunft.

Mit diesen Worten entschwindet Sophia und lässt Polemos allein. Der dreht sich auf der Stelle im Kreis.

Verantwortung


Polemos dreht sich immer noch im Kreis, da taucht Sophia am Horizont auf. Polemos möchte entweichen, doch stösst unweigerlich mit Sophia zusammen. Sophia lacht auf und fällt hin.

Sophia: Wir können unseren Lauf nicht ändern. Es ist ein ewiges fliessen, schon vergessen?
Polemos: Wäre es nicht gut, solch einen Aufprall zu vermeiden? Es tut doch weh.
Sophia: Und sehen Sie, was daraus entstanden ist!

Mit ihrem Zeigefinger deutet Sophia auf die Tiefsee im Indischen Ozean.

Polemos nickt: Ich verstehe. Trotzdem, eben dies war die Ursache des Streites, den ich da in Zürich vernahm, das die Menschen mit ihren Ideen aufeinander prallten. Wäre es nicht für die Menschen gut gewesen eine klare, objektive Antwort zu haben, um ihren Streit zu schlichten?
Sophia: Wäre es besser, wenn das All eine flache Scheibe wäre anstatt einer Kugelxii? Parallele Kreise auf einer Scheibe überschneiden sich nie. Wir hingegen stossen ständig aneinander. Der zweidimensionale Kreis erschafft nichts und zerstört nichts. Da ist nichts das istxiii. Nur fliessen. Würden Sie dies bevorzugen?
Polemos: Natürlich nicht! (Er schaut Sophia an, als sei sie ein dummes Kind.) Aber wenn das All ein Punkt wäre von dem alles ausgehtxiv?
Sophia: Dann würde es nie wieder zurückkehren. Dann gäbe es keine Welt, nur viele Wesen die da hinausgeschickt werde und verloren gehen.
Polemos: Aber eine Regel, ein Gesetz würde es doch einfach machen den Streit zu schlichten.
Sophia: Es gibt ja ein Gesetz! Ich bin das Gesetz. Alles was geboren wird, wird sterben.
Polemos: Aber wie sollen die Menschen handeln?
Sophia: Menschlich?
Polemos: Was heisst menschlich?
Sophia: Sie haben es doch vorher lang und breit erklärt; vernünftig und ethisch, das Gute suchend.
Polemos: Aber sie sagten doch, dass es das Gute nur gibt, weil die Menschen es unterscheiden.
Sophia: Eben.
Polemos: Aber sie unterscheiden es eben nicht auf dieselbe Weise.
Sophia: Sicher nicht? Wie war was das bei Ihren Zürchern?
Polemos: Sie suchten die Freiheit als höchstes Gut. Doch frühere Versuche der Franzosen, die Freiheit zu finden endete in Knechtschaftxv. Das hat sie erschüttert. Daher zweifelten sie an diesen Ideen und suchten andere Möglichkeiten.
Sophia: Freiheit! Ich dachte sie wollten Frieden?

Sophia ist ganz verschwitzt vom Tanzen und setzt sich hin.

Freiheit

Polemos: Die Menschen wolle nach eigenen Regeln leben, nicht von Naturgesetzen, Göttern oder Menschen versklavt werden.
Sophia: Aha. (Sophia schaut nachdenklich vor sich hin.)
Polemos: Ihre Vernunft macht sie frei. Dadurch erkennen sie ihre Einzigartigkeit und können sich von der Welt unterscheiden.
Sophia: Das ist richtig. Aber sie können nicht die Freiheit und den Frieden wollen. Der Friede ist in der Welt, die Freiheit ist aus der Welt heraus.
Polemos: Dann bleibt den Menschen nur der Krieg?
Sophia: Bekriegen wir uns denn?
Polemos: Nun, wir stossen ständig zusammen.
Sophia: Aber dies gibt uns auch einen Augenblick um innezuhalten und müssige Gespräche über Menschen zu führen.
Polemos: Das ist richtig. Ohne Zusammenprall würden wir ewig in Parallelen kreisen und uns niemals treffen. Nichts würde daraus entstehen, keine Zeit, kein Raum, kein All.
Sophia: Weshalb soll dies bei den Menschen anders sein. Schliesslich, kommen sie aus uns heraus.
Polemos: Sie meinen, die Vernunft macht die Menschen frei von der Welt? Ihr freies handeln erschafft den Sinn, das Gute und das Böse. Dann, durch ihr Zusammenstossen mit anderen Menschen, werden sie bewegt innezuhalten und sich eine Antwort zu geben. So macht die Freiheit sie schliesslich ver-antwortlich?
Sophia: Ja, genau.
Polemos: Dann ist Leiden Teil ihres Menschseins?
Sophia: Sie können das Leiden nicht verhindern. Aber ihr Leid nötigt sie eine Antwort zu geben, an die Verursacher ihres Leides, an die Opfer ihres Leides, an sich selbst und an uns. Durch die Antwort auf das Leid treten sie in Kontakt mit uns und geben uns ein Gesicht.
Polemos: Dann müssten wir ja beinahe den Menschen dankbar sein.
Sophia: Das sind wir doch.
Polemos: Doch, wenn sie nun vergehen, ihre Welt untergeht?
Sophia: Dann wird etwas Neues erschaffenxvi.

Mit diesen Worten steht Sophia auf, verbeugt sich vor Polemos und schwebt tänzelnd davon ins Jenseits.
i Hmm. Eine kleine Kritik an Heidegger?
ii Ursprünglich schrieb ich „unserer“ Schöpfung, was fälschlicherweise insinuiert, dass Sophia und Polemos willentlich die Schöpfung hervorbringen.
iii Eine kleine Alliteration des Sündenfalls.
iv Das spielt natürlich auf den judeo-christlichen Mythos de Sündenfalls an.
v Sophia denkt durchaus, dass auch andere Wesen das potenzial für kategorisches Denken haben, dies aber nicht tun, da sie keine Veranlassung dazu finden. Warum die Menschen diese Mittel nutzen, lässt Sophia offen.
vi So wie in einigen Buddhistischen Schulen
vii Ganz Platon ganz Aristoteles!
viii Das spielt an die Semantik im Russischen an wo Welt und Friede dasselbe Wort sind. Diese Idee wird auch von Laín Entralgo’s Theoría del Otro“ aufgenommen
ix Siehe Genesis 2:19, die Bibel.
x D.h. in der Welt.
xi Emanuel Levinas geht davon aus.
xii Kugel ist hier symbolisch gemeint und spielt auf die graphische Darstellung der ineinander kreisenden Orbita von theoretischen Darstellungen in der Quantenphysik an. Siehe Titelbild. Es ist keine realistische Aussage über die Form des ewigen Prozesses, der ja formlos sein muss.
xiii Wie in der Philosophie von Parmenides.
xiv Eine andere Form des nominalen Monadismus
xv Das spielt auf die Jakobiner nach der geglückten Französischen Revolution an.
xvi Ursprünglich schrieb ich „dann erschaffen wir sie neu“, das ist aber in konsequent Nominalistischer lesart unsinnig, da es hier kein bewusstes, gezieltes Handeln von Polemos und Sophia gibt und nichts zweimal erschaffen wird.

Samstag, 9. April 2011

Der schwarze Engel

18:40

Leire studiert im letzten Semester Literatur und Geschichte an der Universität von Salamanca. In wenigen Wochen ist ihre Abschlussprüfung und ihr Professor Dr. Catalyud hat sich grosszügiger Weise bereiterklärt an diesem Nachmittag bei einigen Recherchen zu helfen. Er wohnt in der alten Posada de las Almas, wo er ein Zimmer gemietet hat. Das ist praktisch für ihn, da er in einer viertel Stunde die Universität zu Fuss erreichen kann.
Leire‘s Thema sind „Engel und Engelgestalten“ in der Literatur des frühen Spanischen Mittelalter, eigentlich eher ein Thema für Liebhaber, das wohl kaum Beachtung bei zukünftigen akademischen Lesern finden wird. Dafür entsprechen die Resultate zu wenig den gegenwärtigen Vorurteilen zum Mittelalter und seiner Gedankenwelt. Doch Leire ist gefangen von dem Thema.
Es ist schon gegen neun Uhr abends, als Leire beschliesst aufzubrechen. Dr. Catalyud bietet ihr an, sie zu begleiten. Zwar lebt sie während des Semesters in der Nähe der Universität, bei ihrer Grossmutter und ist in einer halben Stunde zu Hause, aber draussen ist es schon dunkel in die Strassen Salamancas können Nachts ganz schön unheimlich sein, die Fresken, die seltamen Gestalten, die von den Dachrinnen hinunterblicken.
Nach kurzem zögern, willigt Leire ein. Sie packt ihre Bücher zusammen, Dr. Catalyud löscht die grosse Lampe und lässt nur eine kleine Brenne, für den Fall. Er glaubt, dass es Räuber davon abhält einzubrechen.
Draussen ist es Stock dunkel. Ein paar Strassenlaternen leuchten den Weg. Der Wind fegt Papierfetzen vor sich her.
Komm, gib mir Deine Bücher“, sagt Dr. Catalyud.
Leire ist froh, denn sie sind wirklich schwer.
Schweigsam gehen sie die Strasse hinunter. Da hört Leire etwas hinter sich. Sie dreht sich um, doch da ist niemand.
Plötzlich spürt sie etwas an ihrem Rücken. Dr. Catalyud geht nah neben ihr her. Dann streicht er ihr mit der Hand über die Schulter.
War er es? Er wird doch nicht versucht haben sie zu betatschen?“
Leire ist verwirrt. Es kommt ihr unsinnig vor. Nie hat ihr Professor irgendetwas versucht oder eine Situation ausgenutzt. Sie hat sich wohl geirrt.
Doch dann sprürt es genau, den Griff um ihren Po. Sie erschrickt und dreht sich heftig dem Professor zu. Doch der geht ganz ruhig neben ihr her. Im Arm, auf ihrer Seit hält er die Bücher. Er kann unmöglich mit dem anderen Arm zugegriffen haben ohne seine Position zu verändern.
Etwas später, schon wieder. Ein zischen, so als ob jemand hinter ihrem Rücken vorbeirannte.
Leire wird nervös und der Professor schaut zu ihr herüber. „Alles in Ordnung, Sie atmen so stark. Die jungen Leute heute sind wohl nicht mehr so ans zu Fuss gehen gewöhnt. Es tut mir leid, aber ich habe kein Auto.“
Leire lächelt zurück: „Nein, nein, ist schon gut. Ich habe nur etwas gehört.“
Dann sieht sie einen schwarzen Schatten. Sie erschrickt. Aber dann ist er auch schon weg. Noch einer und dann ein ganz helles Licht. Leire möchte schon zum Licht laufen, doch Dr. Catalyud hält sie zurück:
Nicht!“
Was ist das?“
Das sind Engel.“
Leire lacht: „Ja, sicher, Engel.“
Dr. Catalyud schaut sie ernsthaft an und nickt schweigsam.
Wie meinen Sie das, Engel?“
Hm, kommen Sie Leire. Lass Sie uns weiter gehen.“
Wieder hört Leire ein zischen. Doch dann sieht sie auf der anderen Strassenseite, die Frau, die die Strasse kehrt. Sie lächelt ihr zu und geht weiter.
Doch nun spürt einen eisigen Atem. Als sie sich umdreht, sieht sie nichts, nur das helle Licht.
Nicht.“ Wiederholt Dr. Catalyut.
Ein Katzensprung der Heimweg. Weshalb kommt er ihr heute nur so weit vor. Gerade als sie die „Cuesta del Carmen“ überqueren wollen, spürt sie einen Stoss von hinten und ein Licht das aufflackert, als ob es Blitzt. Sie schreit erschrocken auf. Nun ist auch Dr. Catalyud erschrocken. „Komen Sie!“ er nimmt sie bei der Hand und zieht in die „Cuesta del Carmen hinein“.
Hier müssen wir doch gar nicht lang! Diese Strasse ist ganz dunkel“ was der Professor nur vor hat? Leire wird es unheimlich. Vielleicht war ihr erster Verdacht gar nicht so falsch. Dr. Catalyud schaut in ihr verschlossenes Gesicht. Dann lacht er kläglich: „Was denken Sie denn? Kommen sie, das ist schon gut so. Machen Sie schnell. Gleich da vorne an der Ecke gehen wir links die Strasse hinunter. Direkt nach der „Casa de las Muertes“ kommt das „Pata Negra“. Das ist ein gutes Restaurant. Da kann ich Sie zum Abendessen einladen. Aber machen Sie schnell. Es ist nicht sicher hier.“
Nun gehen beide im Laufschritt. Dr. Catalyud hält sie immer noch an der Hand. Wie unheimlich an einem Haus mit dem Namen „Casa de las Muertes“, Haus der Tode, vorbeizugehen. Doch dann sieht sie auch schon die erleuchteten Fenster des „Pata Negra“.
Drinnen wird ihnen ein gemütlicher Tisch in der hintere Ecke des Restaurants angeboten.
Leire schliesst die Augen und atmet tief durch.
Ich bitte Sie um Entschuldigung. Ich glaube, ich schulde ihnen eine Erklärung, aber lassen Sie uns doch erst bestellen.“…
Und dann erzählt ihr der Professor eine Geschichte.
Hier, lange bevor Salamanca eine berühmte Universitätsstadt wurde, war schon eine ausgedehnte Dehesa, wie in Spanien die Hutewälder genannt werden. Doch früher gab es hier noch viel mehr Bäume. In den Bäumen lebten Engel. Ursprünglich waren sie alle weiss, nicht wie Gespenster im Fernsehen, mit Leintuch umwickelt. Eher wie ein helles Licht ein Blitz.
Die Menschen, die hier lebten, liebten die Engel, denn sie strahteln ihnen den Weg in der Nacht und schützten das Vieh vor wilden Tieren und Räubern. Auch waren sie schön anzusehen.
Eines Tages, machte sich einer der Dorfbewohner auf, um sein Vieh zu kontrolieren. Als er seinen Besten Stier in einem halb ausgetrockneten Flussbett, halb im Schlamm steckend sah. Er versuchte dem Tier zu helfen, doch der Stier wehrte sich nur noch mehr und schlug den Mann, so dass er ohnmächtig wurde. Da kam einer der Engel um ihm zu helfen. Die anderen Engel standen darum herum und schienen es nicht gut zu finden. Sie wollten den Engel davon abhalten.
Doch der hörte nicht auf sie. Er stand nun selbst bis zur Hüfte im Schmutzwasser und mit seiner übermenschlichen Kraft half er dem Stier aus dem Wasser. Das Tier war überglücklich und sprang munter und gesund davon. Doch der Engel war von Kopf bis Fuss mit Schmutz bedeckt, so dass er eher wie ein Scatten, als wie ein Licht aussah.
Als der Mann wieder zu sich kam, sah er gerade noch, wie einige der Lichtgestalten davonschwebten und ihm zuwinkenten. Natürlich erzählte er die Geschichte überall im Dorf, woraufhin die Menschen anfingen die Engel richtiggehend zu verehren. Das gefiel den Engeln sehr und motivierte den einen oder anderen es dem ersten gleichzutun, woraufhin sie für immer Schmutzig wurden und wie dunkle, schwarze Schatten durch die Welt gingen und wirkten im Stillen. Von da an gab es dunkle und helle Engel.
Die Menschen bemerkten diese Veränderung und fingen an sich zu beunruhigen. Was es wohl mit den dunkeln Engeln auf sich hatte? Keiner hatte bisher die Veränderung mitangesehen. Die hellen Engel hatten Angst, dass wenn die Menschen, die Wahrheit erfahren würden, dass sie dann von ihnen allen erwarten würden es den dunkeln Engel gleichzutun. Und wer würde dann noch schön sein und strahlen. Daher verbreiteten sie das Gerücht, dass die Dunkel Engel das Unheil bringen, das die hellen Engel dann wiederum aus der Welt schaffen würden. Da fingen die Menschen an die Dunkeln Engel zu hassen und zu verfolgen. Da sie wussten, dass die Engel in den Bäumen leben, schnitten sie die meisten der Bäume ab, damit immer viel Platz zwischen ihnen war und man gut die Dunkeln Engel erkennen konnte. So machten sich die dunkel Engel langsam auf, die Gegend zu verlassen und versteckten sich in den dunkeln Wäldern des Nordens.
Von da an mussten Menschen anfangen sich selber zu helfen, sich selbst überlassen.
Das was Du dort draussen gesehen hast, waren die letzten dunkeln Engel, die nachts die Menschen noch vor dem Unheil bewahren. Doch die hellen Engel versuchen sie davor abzuhalten.“
Weshalb haben Sie mir das nicht früher gesagt? Das ist doch interessant für meine Arbeit?“ „Gute Frau, sie wollten doch eine wissenschaftliche Arbeit schreiben. Ich habe Ihnen nur eine Geschichte erzählt.“